Ganz besondere Ziegen

Die Gämsen zwischen Hinterlehengericht und Schramberg waren kürzlich die Stars im Schwarzwälder Boten.

Die Redakteurin der Lokalredaktion Schramberg, Michaela Sum, hat sich mit unserem Gamswildobmann Timo Riegraf getroffen, um sich über diese besondere Wildart zu informieren. Hier der Beitrag aus dem Schwarzwälder Boten:

 

Gämse sind längst (wieder) heimisch

Ja hoi, was steht denn da? Diese Reaktion ereilt Autofahrer entlang der B 462 zwischen Schiltach und Schramberg immer wieder. Auf einer Wiese direkt neben der Straße halten sich bisweilen zahlreiche Gämse auf. Die erwartet man eher in den Alpen – doch auch hier sind die Tiere längst (wieder) heimisch.

Vor allem morgens und vormittags sind die Tiere oft zu beobachten, wie sie auf dem Wiesenstück stehen und fressen. Der vorbeifahrende Verkehr stört die Tiere offenbar kein bisschen. Doch woher stammen die hiesigen Gämse eigentlich? »Gamswild war im 14. Jahrhundert im Schwarzwald noch Standwild – hat sich also immer dort aufgehalten«, erklärt Timo Riegraf, Gams­obmann der Kreisjägervereinigung Rottweil. Dann wurden die Gämse durch Fressfeinde wie Bären und Luchse, aber auch den Menschen ausgerottet. 

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts seien aus den Alpen immer wieder vereinzelt Gämse über die Bodenseeregion ins Donautal, den Hegau oder die Wutachschlucht gezogen. »1934 kam dann der Gedanke auf, Gamswild wieder im Schwarzwald anzusiedeln«, erläutert Riegraf. Zwischen 1935 und 1939 seien 21 Gämse aus der Steiermark und dem Salzkammergut im staatlichen Forstamt Kirchzarten ausgesetzt worden. »Diese haben sich gut eingelebt«, so Riegraf. 

Aus diesem wachsenden Bestand seien auch Tiere Richtung Schiltach und Schramberg gewandert. »Dort fand das Gamswild mit den Geröllhalden und Felsen einen idealen Lebensraum vor«, weiß Riegraf. Und wie viele Tiere leben inzwischen hier? »Eine Schätzung ist schwierig«, erläutert er. Grund seien die topografischen Gegebenheiten, die relativ kleinflächigen Waldreviere und daraus eventuell resultierende Doppelzählungen. »Wir gehen von einem Frühjahrsbestand von 60 bis 70 Tieren in der Hegegemeinschaft aus«, meint er. 

Die Revierpächter nehmen eine jährliche Bestandsschätzung vor. Auf deren Grundlage, erläutert Riegraf, werde in der Hauptversammlung der Gamswildhegegemeinschaft ein Abschussantrag bei der Unteren Jagdbehörde festgelegt. Heißt: Wie viele Tiere dürfen in der kommenden Saison erlegt werden. »Durchschnittlich wurden in den vergangenen Jahren immer etwa 15 Gämse erlegt«, sagt er.  

Bejagung ist einziges Mittel 

Zentrales Ziel der Hegegemeinschaft sei, »durch nachhaltige Bejagung einen gesunden und verträglichen Bestand zu erhalten«. Damit soll »der Fortbestand dieser besonderen Wildart im Kreis gesichert werden«, meint der 35-Jährige. Er leitet die Gamswildhegegemeinschaft seit 2018. Sein Stellvertreter ist Jürgen Letzin, der ebenfalls aus Schiltach kommt. 

Bejagung sei derzeit das einzige Mittel, um den Tierbestand zu regulieren. Natürliche Fressfeinde gebe es in der Region nicht. »Vor einigen Jahren hatten wir kurzzeitig einen Luchs. Der hat nachweislich mehrere Gämse erbeutet«, so Riegraf. Und wie sieht es mit dem Wolf aus, der aktuell in aller Munde ist – und ja auch in Schramberg schon unterwegs war? »Zu Auswirkungen des Auftretens eines Wolfs haben wir im hiesigen Bereich keine Erfahrungswerte«, sagt er zwar. Aber: »Grundsätzlich wären die Gämse natürlich potenzielle Beute für den Wolf.« 

»Ein gutes Einvernehmen mit den Jagdgenossen und den Waldeigentümern ist uns wichtig«, spricht Riegraf für die Hegegemeinschaft. Das Auftreten von Gamswild werde von hiesigen Jagdgenossen und Waldbesitzern vereinzelt kritisch gesehen. Immer wieder werde eine zu hohe Verbissbelastung durch das Gamswild beklagt. »Mir ist es wichtig, keine ›Stimmung‹ gegen das Gamswild aufkommen zu lassen. Bislang ist es uns als Gamswildhegegemeinschaft immer gelungen, bei einer lokalen Verbissproblematik durch einen temporären, verstärkten, waidgerechten und abgestimmten Eingriff eine Entspannung herbeizuführen. Oftmals ist der Verbiss an beklagten Stellen auch nicht dem Gamswild zuzuschreiben«, betont er. 

Info: Gämse sind keine reinen Grasfresser. Sie ernähren sich, je nach Jahreszeit und dem damit verbundenen Nahrungsangebot, von Gräsern, Flechten, Beerensträuchern, Moos, Kräutern sowie Zweigen und Knospen unterschiedlichster Baum- und Pflanzenarten, erläutert der Experte. Und davon, so scheint es, finden sie auch in Hinterlehengericht jede Menge. Die 1990 gegründete Gamswildhegegemeinschaft der Kreisjägervereinigung Rottweil gliedert sich in Jagdreviere innerhalb der Hegegemeinschaft und Jagdreviere mit Gamsvorkommen außerhalb der Hegegemeinschaft. Zu den Jagdrevieren innerhalb der Hegegemeinschaft zählen elf Reviere, die sich alle im Bereich Schiltach mit den Schwerpunkten in Hinter- und Vorderlehengericht befinden. Insgesamt umfassen die Reviere eine Gesamtfläche von rund 2300 Hektar. Die zwölf Reviere außerhalb der Hegegemeinschaft befinden sich überwiegend im Bereich Schramberg, Tennenbronn, Lauterbach sowie dem Neckartal und haben eine Größe von etwa 3500 Hektar.

 

 

 

 

 

 

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